Warum viele Verbände die Begutachtung bei transsexuellen Menschen ablehnen,

wird unter anderem an einem Bericht von Jessica deutlich, den ich hier wiedergeben will (sie hat das freundlicherweise erlaubt). Ich selbst habe beim Begutachtungsverfahren durch einen Psychiater ähnliche intime Fragen erlebt.
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(Anmerkung: Dieses Ereignis liegt nun schon mehr als ein Jahr zurück. Ich habe damit gerungen, dies zu veröffentlichen, doch denke ich, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, zu erfahren was in unseren Amtsgerichten passiert.)

VERHÖRT UND ERNIEDRIGT

Die Frau an der Rezeption mustert meinen Ausweis in dem noch ein Name steht, welcher das Sinnbild meines Leidens ist. Ein Name, dessen wegen ich unzählige Tränen vergoss. Ein Name, dessen bloße Erwähnung in mir wieder und wieder alte Wunden aufreißt. Genau aus diesem Grund bin ich hier; ich möchte diesen Namen und das damit verbundene Leid loswerden. Ich möchte nicht mehr bei jedem Vertrag den ich unterzeichne, bei jeder bargeldlosen Zahlung, bei jeder Paketannahme auf der Post und allen anderen Situationen im Leben, wo man sich ausweisen muss, mich bloßstellen und demütigen lassen.

Im Wartezimmer steigt die Nervosität ins unermessliche, seit Wochen schon habe ich keine Nacht mehr durchgeschlafen. Gleich wird ein wild fremder Mann über mich und mein Leben entscheiden. Er wird darüber bestimmen, ob und wie ich weiterleben darf. Die Auswahl meiner heutigen Kleidung, jeder meiner Gesten und die Wahl meiner Worte werden heute bewertet und beurteilt. Welche Vorurteile dieser Fremde für meinesgleichen hegt, weiß ich nicht. Die Angst, dass ich irgendetwas sage, was zu einer negativen Beurteilung führt ist groß. Ein einziger Fehler und meine Zukunft ist ruiniert.

Ein älterer Herr betritt den Raum, freundlich und mich mit seinem Blicken musternd bittet er mich in sein Zimmer. Später wird er in seiner Stellungnahme schreiben: „Die Probandin trug die langen, hellbraunen Haare mit einem beigen Stirnband geordnet, einen rosa Rollkragenpullover und blaue, eng anliegende Leggins. Überwiegend femininer Ausdruck und Habitus, nicht aufgesetzt wirkend.“

Die Fragen beginnen harmlos. Zunächst beziehen diese sich auf meinem Lebenslauf, welchen ich bereits im Vorfeld für den Gutachter schriftlich ausarbeiten musste. Darauf folgte ein Block an Fragen über meine Eltern, welche den Anschein erweckten, dass der Fragesteller noch die Annahme vertritt, das Geschlecht sei anerzogen. Von wem habe ich mehr Zuneigung erhalten, von der Mutter oder vom Vater, wollte er unter anderen wissen. Es war ein Verhör und ich die Angeklagte. Mein Verbrechen war es eine Frau zu sein, dafür musste ich nun Rede und Antwort stehen.

Nach einer halben Stunde wurden die Fragen immer heftiger. Nun wollte er wissen, wann und in wen ich so alles verliebt war. Da ich nie sexuell etwas mit anderen Menschen hatte, hatte ich diesbezüglich keine so großen Befürchtungen, dass ich etwas intimes Preisgeben müsste, denn da wo nichts war, gibt es auch nichts zu erzählen. Doch damit fand sich der Fremde nicht ab; „Sie müssen sich doch hin und wieder selbst befriedigen?“, wollte er nun von mir wissen, während mein Herz für einen kurzen Augenblick stehen blieb.

Er bestand darauf, dass ich ihm berichte, ob, wann und wie ich mich selbst befriedige; wollte wissen, ob mich der Anblick von nackten Männer oder nackten Frauen erregte; wollte, dass ich ihm die intimsten Details aus meinem Leben preisgebe. Von der Beantwortung dieser Fragen hängt nun mein künftiges Schicksal ab. Es ist eine menschenunwürdige Erniedrigung. Ich bin dieser Situation, diesem Mann hilflos ausgeliefert.

Soweit es mir möglich ist, gehe ich nicht näher auf seine Fragen ein, beantworte sie nur allgemein und frage mich insgeheim, wann dieser Horror endlich vorbei ist. Doch er bohrt immer weiter, bis er schließlich von mir verlangt, dass ich ihm ein paar meiner sexuellen Fantasien beschreibe. Noch einmal zur Erinnerung; Wenn ich diesen Fremden nicht überzeuge, dass ich bin, was ich bin; ihm nicht gebe, was er hören will, dann setze ich meine Existenz aufs Spiel. Dann werde ich vielleicht nie ein Teil dieser Gesellschaft sein, nie Verträge unter meinem Namen abschließen können und auch nicht einfach mal an der Supermarktkasse mit meiner EC-Karte zahlen können.

Du der dies gerade liest, was hast du damals auf diese intimen Fragen geantwortet, als du deinen Personalausweis beantragt hast? Was würdest du antworten, wenn du solche Fragen beantworten müsstest? Was habe ich verbrochen, dass man mir ein solches Prozedere zumutet, während die meisten anderen ihre korrekten Ausweispapiere erhalten, ohne dafür ein gerichtliches Verfahren durchlaufen zu müssen?

Nach einer Stunde war die demütigende Befragung vorbei. Jener Herr hat in meinem Geiste eine Tür eingetreten, hinter der ich mich bisher sicher gefühlt habe. Um an irrelevante Informationen zu kommen, hat er mich dazu genötigt, meine intimsten Gedanken und Gefühle zu offenbaren, hat mich geistig vergewaltigt. Wahrscheinlich ist ihm dies noch nicht einmal bewusst, was er mir angetan hat. Für ihn war ich wohl so etwas wie eine Patientin, nur eine von vielen. Doch war ich keine seiner Patientinnen, ich war lediglich dort, weil dies unsere Gesetze so vorschreiben, weil nach wie vor Politiker sich weigern, meine Menschenwürde anzuerkennen, weil Selbstbestimmung nur ein Privileg der Mehrheit ist.

Nach einer Stunde Gespräch glaubte dieser sogenannte Fachmann zu wissen, wer ich bin, was in mir vorgeht und wie ich künftig mein Leben zu führen habe. Wie unangenehm mir seine Fragen waren, hat er nicht mitbekommen. Wie wütend ich auf ihm war, ebenso wenig. Dass er mich verletzt hat, ist ihm nicht bewusst. Denn dem Richter schrieb er folgendes: „Es ließ sich ein guter emotionaler Kontakt herstellen.“

Und von solchen Experten, werden Menschen wie ich nach wie vor fremdbestimmt!

Danke für Deine Offenheit, Jessica!
Es wäre wünschenswert (wenn es überhaupt ein neues Transsexuellenrecht braucht) dass  die Schwellen nicht höher gehängt werden, als es bei einer Schwangerschaftskonfliktberatung der Fall ist:
Ein Beratungsgespräch bei einer anerkannten Beratungsstelle, die man sich selbst aussuchen kann (z.B. AWO, Caritas, Diakonie) mit Bescheinigung muss ausreichen für eine Vornamens- und Personenstandsänderung und alle medizinischen Maßnahmen. Schließlich betrifft die Thematik primär nur die Betroffenen selbst (im Unterschied zu einem Schwangerschaftskonflikt, bei dem auch das ungeborene Leben betroffen ist).

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