Der Koalitionsvertrag verspricht viele

wichtige Änderungen für queere Menschen / LGBTTIQ* / Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung:

Auszug aus dem Koalitionsvertrag vom 24.11.2021:

Queeres Leben

Um Queerfeindlichkeit entgegenzuwirken, erarbeiten wir einen ressortübergreifenden Nationalen Aktionsplan für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und setzen ihn finanziell unterlegt um. Darin unterstützen wir u. a. die Länder bei der Aufklärung an Schulen und in der Jugendarbeit, fördern Angebote für ältere LSBTI und bringen in der Arbeitswelt das Diversity Management voran, insbesondere im Mittelstand und im öffentlichen Dienst. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sichern wir dauerhaft im Bundeshaushalt ab. Regenbogenfamilien werden wir in der Familienpolitik stärker verankern. Geschlechtsspezifische und homosexuellenfeindliche Beweggründe werden wir in den Katalog der Strafzumessung des § 46 Abs. 2 StGB explizit aufnehmen.

 

Die Polizeien von Bund und Ländern sollen Hasskriminalität aufgrund des Geschlechts und gegen queere Menschen separat erfassen.

Wir werden das Transsexuellengesetz abschaffen und durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Dazu gehören ein Verfahren beim Standesamt, das Änderungen des Geschlechtseintrags im Personenstand grundsätzlich per Selbstauskunft möglich macht, ein erweitertes und sanktionsbewehrtes Offenbarungsverbot und eine Stärkung der Aufklärungs- und Beratungsangebote.

Die Kosten geschlechtsangleichender Behandlungen müssen vollständig von der GKV übernommen werden. Wir werden im Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung Umgehungsmöglichkeiten beseitigen.

Für Trans- und Inter-Personen, die aufgrund früherer Gesetzgebung von Körperverletzungen oder Zwangsscheidungen betroffen sind, richten wir einen Entschädigungsfonds ein.

 

Wir werden die Strafausnahmen in § 5 Abs. 2 des Gesetzes zum Schutz vor Konversionsbehandlungen aufheben und ein vollständiges Verbot auch von Konversionsbehandlungen an Erwachsenen prüfen. Das Blutspendeverbot für Männer, die Sex mit Männern haben, sowie für Trans-Personen schaffen wir ab, nötigenfalls auch gesetzlich.

Wir treten dafür ein, dass Regenbogenfamilien und in der EU geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen/Lebenspartnerschaften in allen Mitgliedsstaaten mit allen Rechtsfolgen anerkannt werden.

Rechtsakte der EU, die gegen Diskriminierung aufgrund von Rassismus gelten, müssen künftig auch Homophobie und andere Diskriminierung umfassen. Wir werden für queere Verfolgte Asylverfahren überprüfen (z. B. Dolmetscher, Beurteilung der Verfolgungswahrscheinlichkeit bei Rückkehr), Unterbringung sicherer machen und eine besondere Rechtsberatung einrichten.

 

Quelle: https://www.tagesschau.de/koalitionsvertrag-147.pdf

Update 26.11.2021: Im Tagesspiegel gab es ein Interview mit Ulle Schauws zu diesem Abschnitt des Koalitionsvertrags.

 

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Von vielen Hürden, die junge Menschen im Falle

einer Geschlechtskörperdiskrepanz (Transsexualität) überwinden müssen, berichtet die TAZ in diesem lesenswerten Beitrag. Ein paar Zitate daraus:

„Mit viereinhalb Jahren habe Laura gefragt, ob sie später auch eine Frau werden könne…“

„Kol­le­g*in­nen allerdings widersprechen regelmäßig Kortes Thesen. Auf sein Interview im Spiegel reagierten drei Berliner The­ra­peu­t*in­nen und ein Kinderpsychiater aus Münster mit Leserbriefen. Sie bekräftigten, dass nach ihrer Erfahrung trans Identität keineswegs als Laune in der Pubertät auftrete, sondern in aller Regel viel früher gefestigt sei.

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Die Detrans-Thematik

war Thema einer Studie, die man hier bei Pubmed findet.

Das Ergebnis: Von 27715 Teilnehmenden der Studie berichteten 61,9 Prozent,  „geschlechtsangleichenden Maßnahmen verfolgt zu haben“ (17151 Personen).

Von diesen 17151 Personen berichteten 13,1 Prozent (2242 Personen) von einer Detransition. 82,5% der Detransitionierer gaben an, die Detransition auf Grund „externen Drucks“ unternommen zu haben, 15,9 Prozent hatten „innere Gründe“ (also 357 Personen = 2,08 Prozent derer, die eine Transition angefangen haben).

Die Studie kann man allerdings im Blick auf ihre Methodik und die Auswahl der Kohorte kritisieren. Aber man hat zumindest mal einen Eindruck, um welche Größenordnungen es geht.
Wenn man umgekehrt die Studie von Dr. Kurt Seikowski kennt, ab der mit dem Beginn der Hormontherapie die psychischen Komorbiditäten sich so einpendeln, dass sie nicht höher als beim Rest der Bevölkerung sind, dann sprechen diese Daten für ein frühzeitiges Angebot der Hormontherapie.

Umgekehrt berichteten Detrans-Menschen mir, dass sie auf Grund der Hormontherapie (HRT)sehr schnell merkten, doch eigentlich „nur schwul“ bzw. „nur lesbisch“ zu sein und ihr Problem mehr im schulischen Umfeld zu suchen war. Das ist im Blick auf das Konzept der Kongruenzdynamik (Cornelia Kunert) auch klar: Durch die HRT wird entweder eine Kongruenzdynamik ausgelöst (falls jemand „trans*“ ist) oder eine Inkongruenz erzeugt. In beiden Fällen hilft das zur Bewusstwerdung, ob die Selbstdiagnose stimmt (oder eben nicht). Ich kenne bislang eine einzige Person, die 3 Jahre nach der GaOp diese bereute und sich deshalb umgebracht hat. Vielleicht wird das Thema durch Kommentare vertieft?

Update 10/2021: Danke für den Hinweis, Dr. Claudia Haupt: Hier findet man ein Review zum Thema Detrans bei pubmed! An anderer Stelle schrieb Dr. Haupt: „Um mal einen Vergleichsmassstab zu haben: Hier ein systematischer Review über das Bedauern nach Organspende durch/bei Gesunde(n). Die Regret Raten bei Trans sind evidenzbasiert wesentlich niedriger als bei der Population der gesunden Organspender. Besonders (gesunde) Nierenspender bereuen. Was schliessen wir jetzt daraus? 2 psychiatrische gerichtliche („forensische“) Gutachten vor jeder Organspende?

 

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schon lange habe ich nicht mehr zu Kreuzweise-Miteinander e.V. gebloggt,

dabei haben wir mit unserem Verein doch einiges bewegt:

  • Publikation einer portugiesischen Ausgabe von „Zum Bilde Gottes geschaffen, Transsexualität in der Kirche“,
  • Gründung der IRELKB (Initative Regenbogengemeinden in der ELKB = evang. luth. Kirche in Bayern)
  • Aufbau einer mehrsprachigen Internetseite (kann aber natürlich noch vielfältiger werden) zum Verein und unserer Arbeit (und einer dazugehörenden Facebook-Seite und eines Twitter-Accounts für den Verein)
  • und natürlich bin ich hauptberuflich immer noch leidenschaftlich gerne evang. Pfarrerin, d.h. habe viele berufliche Aufgaben, die meine Zeit für den Verein beschränken…
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Danke, Margarete Stokowski

für Ihren ausführlichen Kommentar im Spiegel, der mit dem bemerkenswerten Absatz endet:

„Es ist mir unverständlich, warum Leute manche Entwicklungen oder Forderungen so sehr als bedrohliche Einschränkung ihrer Freiheiten oder demokratischer Grundwerte sehen, obwohl man ihnen eigentlich nichts wegnehmen will. Die Energie, die Menschen aufbringen, um sich dystopisch auszumalen, was alles Schlimmes passieren könnte, wenn trans Personen ein etwas leichteres Leben hätten, könnten sie ja auch nutzen, um sich zu informieren, was eigentlich deren Probleme und Bedürfnisse sind. Nur mal so als Idee.“

Sie haben in Ihrem Artikel (hier verlinkt) sehr offen auf den Punkt gebracht, was viele Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung erleben und wie man sich in so einer Situation oft ohnmächtig fühlt, wenn über einen entschieden wird, anstatt einen als Menschen auf Augenhöhe und Bürger mit gleichen Rechten zu behandeln. Es ist ein Trauerspiel, wenn Parteien an solchen überkommenen Ängsten unreflektiert festhalten und Gesetzentwürfe wie den zum Selbstbestimmungsgesetz mit absurden „Argumenten“ abweisen – und besonders traurig ist es, wenn von Autoren in namhaften Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung unreflektiert solche Vorurteile auch noch aktiv geschürt werden und absurde Szenarien entworfen werden…
Ja, auch Medienvertreter machen manchmal Fehler und tappen in Fettnäpfchen – aber es ist doch sehr erfreulich, wenn sie etwas aus der Kritik dazulernen. Ich hoffe, dass Ihr Beitrag in dem Sinn für andere Journalist:innen eine Anregung ist, ihre Artikel zu verbessern.

 

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Gefangene haben oft

viel Zeit, über ihr Leben nachzudenken. So liegen uns etliche Berichte vor, welche große Rolle deshalb Gefängnisbüchereien spielen. Da die LGBTTIQA* Thematik nicht nur diejenigen betrifft, die außerhalb von Gefängnissen leben, sondern eben auch Gefangene, hat der Verein Kreuzweise-Miteinander e.V. nun ein Bücher-Verteil-Projekt beschlossen, um Bücher in Gefängnisbüchereien zu bringen bzw. dafür zu verschenken.

Hier findet man eine genauere Beschreibung, was der Verein bei diesem Projekt geplant hat.

Und hier gibt es eine Umfrage via Mentimeter zu den Büchern, die für Gefangene Eurer Meinung nach empfehlenswert sind. Es geht dabei auch um Abschiebegefängnisse – also ein weites Spektrum an Literatur/Broschüren. Wir freuen uns über Beteiligung!

Die Ergebnisse der Mentimeterumfrage findet man hier unterhalb…

 

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Begriffe sind nicht oft

Thema hier, aber heute möchte ich gerne einen Beitrag einer Facebook-Freundin zitieren (ohne ihren Namen zu nennen):

„[…] das Bedürfnis, die Welt – einschließlich des eigenen Selbst – in Kategorien einzuteilen und somit verständlich zu machen, ist ebenfalls ein zutiefst menschliches. Hinzu kommt, dass viele Menschen eine Art Komfort beim Anblick ihrer jeweiligen Pride-Flagge empfinden. Ich halte diese Anwendung des Identitätsbegriffs allerdings auch für problematisch:
Identität hat immer etwas mit Gruppenbildung zu tun. Menschen mit ident_ischen Merkmalsets gehören dazu, andere nicht. Manche werden mit einbezogen, andere ausgeschlossen.
In den meisten Fällen ist das kein Problem. Ich kann Trekkie sein oder DnD spielen, oder Furry-Kunst mögen, oder mich mit einer Weltanschauung oder mit meinem Beruf _ident_ifizieren. Dann trage ich entsprechende Kleidung, schwenke eine Flagge, gruppiere mich mit Gleichgesinnten. Wer dann nicht dazugehört, wird nichts verpassen und auch nicht dazugehören wollen.
Vor allem kann ich mich aber entscheiden, diese Identitätsmerkmale _nicht_ zur Schau zu stellen. Und wenn mich das Objekt meines Interesses irgendwann nicht mehr interessiert, dann höre ich auf, mich damit zu identifizieren. Identität ist eine Wahl.
Anders ist es, wenn angeborene Merkmale zur Identität an sich werden. Niemand sucht sich die Hautfarbe oder die Nationalität oder eben die Sexualität aus, mit denen man die Welt betritt.
Bei dieser Art der Gruppenbildung geht es nicht mehr um Interessen, sondern um grundlegende Bedürfnisse:
Teilhabe am öffentlichen Leben, soziale und wirtschaftliche Sicherheit, Nutzung öffentlicher Toiletten, …
Hier wird die Gruppenbildung und das Ausschließen aufgrund der Identifizierungsmerkmale zu einem offensichtlichen Problem. Diese Merkmale kann man nur selten verstecken. Einbeziehung und Ausschluss wird plötzlich zu einem Zwang.
Es ist kein Wunder, wenn Fundamentalisten queere Menschen beschimpfen, weil diese sich „entschieden“ hätten, so einen „Lebensstil“ zu führen. Der Identitätsbegriff spielt ihnen diesen Ball direkt in die Hand.
Natürlich kann jeder die eigenen Merkmale zur Grundlage der eigenen Identität erklären. Viele fühlen sich damit wohl. Aber sie sollten nicht als Identität an sich bezeichnet werden.“
Genau deshalb, weil man sich das eigene Geschlecht nicht aussucht, sondern darin vorfindet (sofern man zustimmt, es neuronal verankert zu sehen), ist es wichtig, eben nicht mehr von „Geschlechtsidentität“ zu sprechen. Deshalb ist NVSD treffender.
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Wie erleben Betroffene Kirche/Gemeinde?

Das war eine der Fragen, die von Theologiestudent:innen aus Münster im Mentimeter gestellt wurden. Deshalb habe ich dazu in entsprechenden Gruppen von Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung via Mentimeter eine Umfrage gestartet. Die Umfrage läuft noch… (danach wird hier upgedatet).

Hier findet man die ersten Ergebnisse:

 

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massive Kritik gibt es an

der Begutachtungsanleitung und Richtlinie des MdS im Sinne von §282 SGB V mit dem Titel „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus (ICD-10, F64.0)“. Denn: Diese Maßnahmen und die entsprechende Begutachtungsanleitung sorgen nicht für weniger Leidensdruck, sondern für mehr – deshalb ist es wichtig, die Kritik zu kennen! Im Blick auf die Sprache in diesem Artikel gehe ich nicht näher auf die Verwendung von „Variante der Geschlechtsentwicklung“ ein, da sie in der Begutachtungsanleitung keine Rolle spielt (und auch das ist ein Zeichen, wie wissenschaftlich überholt die Anleitung ist – aber zum Begriff Varianten… habe ich andernorts mehr geschrieben bzw. hier).

Man findet diese Kritik

Die Begutachtungsanleitung ist hier verlinkt (Stand Herbst 2020).

Dabei ist auch die rechtliche Annahme des Bundessozialgerichts inzwischen wissenschaftlich überholt (zumindest, wenn man die Studie von Kurt Seikowski einmal im Blick auf ihre Evidenzklasse mit der Evidenzklasse der AWMF-Leitlinie vergleicht). Beim BSG heißt es:

Nur wenn psychiatrische und psychotherapeutische Mittel das Spannungsverhältnis nicht zu lindern oder zu beseitigen vermögen, gehört es zu den Aufgaben der gesetzlichen Krankenkassen, die Kosten für eine geschlechtsangleichende Operation zu tragen
BSGUrteil vom 10.02.1993, 1 RK14/92; Beschluss B 1 KR 28/04 B vom 20.06.2005

Selbst in der AWMF Leitlinie ist das Evidenzniveau für eine entsprechende Aussage nur auf Level III), während umgekehrt die Hormontherapie (statt einer Psychotherapie) deutlich dazu beitrögt, das Spannungsverhältnis zu lindern, wie eine Studie von Dr. Kurt Seikowski an über 1000 Betroffenen deutlich zeigte (zu finden in G. Schreiber, Das Geschlecht in mir, 2019).
Deshalb müsste an erster Stelle nach dem Besuch des Arztes die Hormontherapie ermöglicht werden und zumindest müsste in einer Überarbeitung der Begutachtungsrichtline des MdS auf diese Studie und ihre Evidenzqualität eingegangen werden.

Aber zurück zur Begutachtungsanleitung. Neu ist, dass die Mindestdauer für Psychotherapie vor weiteren somatischen Maßnahmen nun von 18 Monaten auf mindestens 6 Monate reduziert wurde (vgl. S.19 und S.34) (zusammen mit dem sogenannten Alltagstest kommt man aber weiter auf 18 Monate).

Es wird weiter auf dem sogenannten Alltagstest bzw. „Alltagserfahrungen“ (1 Jahr – S.21) vor „irreversiblen Operationen“ (S.21f.) insistiert (das wird dann als „informed consent“ dargestellt), ohne darüber zu reflektieren, dass ein Mensch ohne Hormontherapie, der genötigt wird, in der Kleidung des Gegengeschlechts „Erfahrungen“ zu sammeln ein hohes Risiko hat, Opfer von körperlicher Gewalt, Diskriminierung bzw. Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit zu werden (welcher Arbeitgeber toleriert es, wenn sein Bankberater mit einem Mal in weiblicher Kleidung auftaucht? – ich kenne konkret eine betroffen Frau, die ihren Job bei der Bank durch ihre Geschlechtsangleichung verloren hat). Abgesehen davon: Wenn keine pubertätshemmenden Medikamente eingesetzt werden, weil das dieser Richtlinie nicht entspricht, droht ein massiver zusätzlicher und sehr dauerhafter Leidensdruck, der in der Richtlinie nicht reflektiert wird! D.h.
Die Begutachtungsrichtlinie des MdS erzeugt unnötig zusätzlichen Leidensdruck, der ja eigentlich abgebaut werden soll und gleichzeitig kostet es den Staat unnötig Geld, wenn Menschen ihren Arbeitsplatz wegen so einer unsinnigen „Alltagserfahrung“ verlieren, für deren wissenschaftliche Evidenz es ebenfalls keine guten Studien gibt. Oder ist es sinnvoll, dass „nach Maßgabe der kritisierten Anleitung transgeschlechtliche Personen erst psychisch erkranken, ehe sie medizinisch versorgt werden“? (Queer, Quelle s. oben!)
Hier sind der Gesetzgeber und die Gerichte gefragt, die zu Grunde liegende Ethik zu hinterfragen!

Lesenswert sind auch einige Kommentare zum Queer-Artikel zum Thema Gatekeeping. Ich zitiere aus Kommentar 1 (hier zu finden)

Die DGTI ist aus dem BVT* wegen dessen Haltung zu gatekeeping ausgetreten. Man kann übrigens auch bei Beratungsstellen schweres Geld damit verdienen, an die sich trans Personen hauptsächlich wegen psychomedizinischem gatekeeping wenden, auch als trans Person mit Psychomediziner-Status.

Es könnte ja jemand fragen, warum, wenn trans sein keine ‚psychische Krankheit‘ ist, Psychomediziner nach wie vor, und noch intensiver als bisher, Macht über trans Personen und ihre Körper ausüben können sollen!

Zu Kommentar 2 und den irreversiblen Folgen: Da sollte das gleiche Recht wie bei Schwangerschaftsabbrüchen gelten. Auch da hat der Gesetzgeber die Haftungsfrage klar geregelt und die Folgen sind nicht nur für die betroffene Person, sondern auch für ein ungeborenes Embryo noch viel massiver, als wenn ein Mensch mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung seinen Körper an sein inneres Wissen von sich selbst angleicht.

Kommentar 3 sieht sehr zu Recht die Problematik der AWMF S3 Leitlinie und bringt sie so auf den Punkt:

„Die S3-Leitlinien wurden explizit auf die Gefahr hin geschrieben, das Transsexuellengesetz könnte eventuell abgeschafft werden, das steht in deren Langfassung. Trans Personen sollen niemals frei und selbstbestimmt leben können in Deutschland, darum geht es, trotz internationaler Wissenschaft (ICD-11) und der wachsenden Zahl anderer Länder mit Selbstbestimmungsgesetzen.“

Und sehr treffend kritisiert Kommentar 4 die Problematik des Gatekeepings und der Fristenregelungen bzw. Bevormundung bei Kindern und Jugendlichen in der Pubertät:

„was ist mit den irreversiblen Schäden, die durch Vorenthalten somatischer Maßnahmen entstehen? Die sind beabsichtigt. Verweigert man einem jungen trans Mädchen zum Beispiel Pubertätsblocker – die für cis Kinder entwickelt worden sind und deren Wirkungen vollkommen reversibel sind, sonst würden cis Kinder nicht bei Bedarf damit behandelt! – was geschieht?
Sie leidet. Das soll so sein, und dafür kann man sie auch psychopathologisieren. Dann winkt ‚dem Jungen‘, der keiner ist, Konversionstherapie oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Überlebt sie, ist immerhin ziemlich sicher, daß sie nie ein gutes cis passing erreichen wird, was sie lebenslang zum Ziel von Diskriminierung und Gewalt macht.“

Liebe Politiker, macht Euch bitte schlau und lest Euch diese Argumente durch. Der „klinisch relevante Leidensdruck“ muss bei dem Thema als Kriterium für medizinische Hilfe hinterfragt werden, sonst erzeugt man dauerhaft noch mehr Leiden und das ist unethisch!
Diesen Blogbeitrag findet man auch über folgenden Kurzlink: https://t1p.de/MdS  so kann man ihn besser teilen.

Update 3.6.2021: Einen Flyer für eine Fortbildung zum Thema med. Hilfe für Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung (auch mit Dr. Löwenberg) habe ich hier hochgeladen. Anbieter ist InTraHealth und die FH Dortmund. Spannend finde ich bei dieser Fortbildung den Zusammenhang von Diskriminierungserfahrungen und dem Versuch, das Gesundheitswesen deshalb zu verbessern. Vielleicht nimmt ja auch ein Gutachter des MdK bei der Fortbildung teil – oder sogar jemand vom MdS, der bei der Begutachtungsrichtlinie mitgeschrieben hat? Es wäre schön, wenn Krankenkassen ihre Kontakte zum MdK entsprechend nutzen würden und auf diese Fortbildung hinweisen würden…

 

 

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Gute Kompromisse wären manchmal hilfreich,

auch wenn es um scheinbar unlösbare Konflikte geht. Besonders sind solche Kompromisse in einer Demokratie nötig, wenn eine Minderheit die Mehrheiten in der Politik braucht, um etwas verändern zu können. Das gilt natürlich auch im Blick auf das TSG und eine bessere Alternative dazu bei der Vornamens- und Personenstandsänderung. Das gilt aber auch im Blick auf die Psychopathologisierung und Abhängigkeit von Patienten von ihren Ärzten bei der medizinischen Behandlung einer Geschlechtskörperdiskrepanz.

Die Idee einer Beratung analog zur Schwangerschaftskonfliktberatung und eines damit verbundenen Beratungsscheins hatten etliche Betroffene ja schon 2014 im „Landshuter Modell“ verankert. Und im Blick auf das Selbstbestimmungsgesetz und die Angst vor Missbrauch habe ich andernorts dazu schon einen Vorschlag gebloggt.

So eine Beratung wird bei Schwangerschaftskonflikten derzeit von verschiedenen Institutionen/Trägern angeboten (z.B. AWO, Diakonie…). Damit verbunden ist eine größere Wahlfreiheit, sich die Beratungsstelle auszuwählen, als wenn – wie beim TSG-Verfahren – einem Gutachter zugeteilt werden… – und: Es sind keine Psychiater, es braucht keine begleitende Psychotherapie, sondern eine einmalige Beratung reicht aus, wenn Betroffene Hilfe suchen.

Nun hat ein Sozialarbeiter bei der AWO nicht die medizinische Ahnung, die ein Facharzt hat – aber das haben die Peer-Berater von den verschiedenen Vereinen in der Regel auch nicht. Umgekehrt ist ein Berater aber auch nicht in das System „Krankenhaus“ eingebunden und finanziell mit ihm verflochten bzw. finanziell unabhängiger als ein Arzt mit eigener Praxis, der eigene betriebswirtschaftliche Interessen verfolgen muss.

Wie sehr Lobbyismus und finanzielle Interessen bei dem Thema leider eine Rolle spielen, sieht man bei der Verwendung von Medikamenten wie CPA, deren Nutzen seit langem stark in Frage gestellt ist, die aber (anders als in den USA) immer noch auf dem Markt sind (dazu an anderer Stelle in diesem Blog mehr).
Und in der Szene der Betroffenen ist auch bekannt, dass es Chirurgen gibt, die zwar sich selbst gut vermarkten (z.B. in social media Kampagnen und Postings), deren tatsächliche Fähigkeiten aber alles andere als gut sind.
Wer dann in einer Klinik diejenigen Patient:Innen besucht, die von solchen Chirurgen „vermurkst“ wurden und zig Nachoperationen brauchten, der wird auch skeptisch, wenn immer nach dem „informed consent“ gerufen wird, bei dem ein unabhängiger Berater erst einmal nicht dabei ist.
David Finkelhor wies auf das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern hin, das beim Thema „informed consent“ eine Rolle spielt. Man muss aber dieses Machtgefälle auch bei anderen Beziehungen zwischen Arzt und Patienten genauer anschauen, vor allem dann, wenn es um kleine Populationen von Betroffenen geht (anders als etwa bei Blinddarmoperationen, die viele Patient:innen betreffen). Denn wenn so ein consent nur zwischen Arzt und Patienten erfolgt, hat das den Nachteil, dass das Machtgefälle zwischen Arzt und Patient entsprechende negative Folgen haben kann:
So können derzeit z.B. Endokrinologen ohne Probleme CPA an viele Betroffene verschreiben, weil diese eben keine neutrale Beratung in Anspruch nehmen können, die um die Risiken von CPA weiß. Gleiches gilt bei Chirurgen, die ihr Fach nicht verstehen und bei denen ein hohes Risiko an Komplikationen besteht. Da vertrauen viele erst einmal „dem Onkel Doktor“ und haben oft auch gar nicht die Zeit oder Möglichkeit, sich entsprechend gründlich über Goldstandarts der Forschung zum Thema zu informieren. Damit aber zeigt sich: Es ist Machtgefälle zwischen Arzt und Patient fast immer vorhanden, das oft zu Lasten der Patienten geht (zumal, wenn neben dem Wunsch des Arztes zu heilen noch andere Wünsche mitspielen, die nicht unbedingt den Patienteninteressen entsprechen, sondern mehr den Aktionären von Medikamentenherstellern oder Klinikkonzernen).

Im Unterschied zu Peer-Beratern und Vereinen, die sich nach einer gewissen Zeit oft aus dem Thema wieder herausziehen (in der Regel oft dann, wenn die Zeit der eigenen Angleichung vorbei ist), haben staatlich beauftragte Beratungsstellen den Vorteil von mehr Kontinuität in der Beratung.

Wenn man daher Fortbildungen zum Thema „Studien zu Transsexualität“ oder „Hormontherapie bei transsexuellen Menschen“ oder „der chirurgische Gold-Standart bei … Operationen“ anbieten will, dann wäre diese Zielgruppe daher auch mittel- und langfristig wichtiger, als einzelne Betroffene, die nach der Angleichung sich wieder aus der Community zurückziehen.

Genau so, wie bei der Schwangerschaftskonfliktberatung muss natürlich eine Beratung von Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung ergebnissoffen sein. Das einzige Ziel muss die Unterstützung der Betroffenen sein – und ggf. die Dokumentation der geplanten Maßnahmen, damit ggf. Mediziner, die ihr Fach nicht beherrschen (es gibt leider Chirurgen, bei denen das der Fall ist und deren Opfer dann viele Nachoperationen brauchen) unabhängig vom Patienten ermittelt werden können, weil die Beratungsstelle auch die Chance bietet, Patientenbeschwerden zu sammeln und ggf. Konsequenzen zu ergreifen. Das müsste natürlich dann auch deren Auftrag sein – ebensoso, wie umgekehrt der Beratungsschein einen gewissen Schutz vor Regressansprüchen bieten muss, wenn ein Mediziner nach dem Stand der Wissenschaft arbeitet. Das gehört natürlich auch analog zur Schwangerschaftskonfliktberatung geregelt.

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