Warum ich immer skeptischer im Blick auf die Rede von der „Geschlechtsidentität“ werde,

liegt an Aussagen wie dieser von RTL, die man bei ATME e.V. auf der Facebook-Seite hier zitiert findet. Ein gruseliges Wording von „Geschlechtsumwandlung“ erinnert an Zauberei. De facto hat die Thematik aber damit so wenig zu tun, wie seriöse Medizin mit Harry Potter.
Es wäre schon schön, wenn Medienvertreter*Innen sich einmal mit „der“ Biologie bei Transsexualität auseinandersetzen, Begriffe reflektieren (samt den Medienguides, die es inzwischen gibt, z.B. von Julia Monro, Lena Balk usw…) und dabei vor allem die Erkenntnisse der Neurowissenschaften mal reflektieren (zumal, wenn man ein „Gesundheitslexikon“ erstellt).
Eine „Identität“, die nicht im Gehirn angesiedelt ist (und damit in einem zentralen biologischen Organ des Menschen) macht einfach so wenig Sinn, wie die Rede von der Seele, die dem Körper nach dem Tod entweicht. Auch wenn es Leute gibt, die das nach wie vor glauben und deshalb Fenster öffnen: Wissenschaftlich gesehen ist das nichts, was man weiterverbreiten sollte und so eine Art Glaube nützt niemandem was. Also: Man sollte nicht von „Geschlechtsidentität“ reden, solange man keine Ahnung hat, was das eigentlich genau ist. Und man sollte vor allem nicht so tun, als ob eine „Geschlechtsidentität“ nichts mit der Biologie zu tun hat. Milton Diamond sagte einmal: „Das wichtigste Geschlechtsorgan sitzt zwischen den Ohren“ – auch biologisch gesehen! Es gibt beim Menschen keine von der Biologie losgelöste Identität. Wenn das Bewusstsein eines Menschen ausfällt (z.B. bei einer Vollnarkose), kann er nichts mehr zu seiner Identität sagen. Eine Trennung von Körper/Biologie und Identität ist Psycho-Mythologie, die man als kritisch denkender Mensch genauso zurückweisen sollte, wie Rudolf Bultmann mythologische Aussagen der Bibel als solche aufzeigte und kritisierte. Was es im Blick auf das Bewusstsein um das eigene Geschlecht (biologisch gesehen) bei jedem Säugetier gibt, sind die INAH3 Kerne im Hypothalamus, die geschlechtsdimorph ausgeprägt sind (mehr dazu im Buch von Mark Solms/Oliver Turnbull: Das Gehirn und die innere Welt). Zum Thema hatte ich ja schon früher ausführlich gebloggt und gezeigt, wie auch andere TS/TI/TG den Begriff „Geschlechtsidentität“ inzwischen kritisch sehen.

Update: Inzwischen zeigt auch die Ablehnung des Schutzes (via Aufnahme in Artikel 261 Strafgesetzbuch) von Menschen mit einer „abweichenden Geschlechtsidentität“ durch den Nationalrat in der Schweiz: Es braucht mehr Bemühungen, die Problematik neurowissenschaftlich fundiert zu erklären und weniger „schwammigen“ Psycho-Slang (denn dem Nationalrat war der Begriff zu „schwammig“).

Warum nur verwenden TS/TI/TG Organisationen und Betroffene Begriffe, die von Psychiatern im Rahmen der Psychopathologisierung transsexueller Menschen geprägt wurden, unkritisch als Selbstbezeichnung des Phänomens?
Grundsätzlich sollte nach Begriffen gesucht werden, die präzise beschreiben, worum es geht und warum Menschen vom Staat Hilfe bzw. Schutz erwarten. Das gilt besonders für Health-Consumer! Begriffe wie „Geschlechtsidentität“ werden oft in Kombination mit „fühlt sich als“ verwendet (oder noch schlimmer in Kombination mit „Geschlechtsidentitätsstörung“).
Das bedeutet: Man erkennt als Medienvertreter, Jurist oder Politiker nicht, dass es keineswegs nur um ein „Gefühl“ geht, sondern um einen existentiellen Zustand, ein SEIN, das im Innersten eines Menschen neurologisch verankert ist. Es gibt ja Begriffe, die dieses SEIN wesentlich beschreiben (z.B. NIBD)? Man sollte vielleicht einmal einen Blick in die Broschüre der EKHN werfen, die den aktuellen Stand allgemeinverständlich erklärt und sich von dem Begriff „Geschlechtsidentität“ endgültig verabschieden.

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